Eine kurze Frage: Nur mal angenommen, es ginge ohne Chefallüren - würdest du mitmachen?

(Eine durchaus selbstkritische Betrachtung im Umgang mit Fans von TV-Hundetrainer-Stars)



Du und ich - wir stehen uns gegenüber und zwischen uns liegt der Andreasgraben. Du bist Fan eines berühmten TV-Hundetrainers, ich bin Fan des positiven Trainings, das ohne aversive Maßnahmen auskommt. 

In Foren und FB-Gruppen streiten wir uns bis aufs Blut. Selten können wir 3 Minuten konstruktiv miteinander reden, wir werden sehr schnell sehr emotional und unterstellen uns gegenseitig schlimme Dinge. Wir können uns wirklich nicht leiden. Und doch glaube ich, so schlimm wie wir voneinander denken, dass wir sind, so schlimm können wir eigentlich gar nicht sein. Ich glaube nämlich, dass auch du deinen Hund liebst und sein Bestes willst. Doch wie finde ich den Zugang zu dir? Wenn du glauben könntest, dass du nicht Chef sein müsstest, würdest du vielleicht dann mal rüberkommen und mitmachen?

Quelle: iStock
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Wir werfen  uns gegenseitig eine ganze Menge Dinge vor:

Wir sind fest davon überzeugt, dass der andere absolut keine Ahnung von Hunden hat. Du behauptest, ich kann nur mit kleinen harmlosen Hunden, nicht jedoch mit den gefährlichen, die "töten" wollen. Du sagst, ich sei neidisch auf dein großes Idol, und ich würde Lügen verbreiten. Ich sei respektlos und "unmöglich", dass ich deinem Idol unterstellte, ein Tierquäler zu sein. Du erklärst mir, dass er supernett zu Hunden sei und dass man eben mit bestimmten Hunden hart umgehen müsse, da sie nur diese Sprache verstünden. Du bist überzeugt davon, dass dein Idol sich um die Hunde kümmere, die sonst eingeschläfert würden, dass er diese Hunde resozialisierte, sprich, dass diese nach seiner Behandlung wieder friedfertig in der Familie lebten. Du wirfst mir vor, eine nichtsnutzige Nörglerin zu sein, die das große Konzept des Stars nicht verstehen würde. Du unterstellst mir, ich fälschte Videos, in denen zu sehen sei, dass Hunde gepeinigt würden. Das seien nur Ausschnitte, kurze Sequenzen, die ein falsches Bild widerspiegeln würden.

 

Du sagst, es sei ganz und gar nicht wahr, dass dein Idol brutale Methoden verwendete, dass er keine Teletaktgeräte zum Einsatz brächte oder Hunde so würgen würde, dass sie Panik bekämen, sondern nur ein bisschen, bis sie ihren Fehler einsähen und aufgäben. Du hälst mir vor, von Kynologie keine Ahnung zu haben und nennst sehr gerne Beispiele aus dem Hundeverhalten, aus dem du dann ableitest, dass, weil Hunde - in deinen Augen - auch manchmal grob miteinander umgingen, die Menschen das Recht hätten, den Hund mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

 

Du belächelst mich und findest meine Art des Trainings "Wattebäuschchen", "weichgespült", "heititei", "Clicker-Uschi", "vermenschlichend", "lächerlich". Du ermahnst mich, dass ein Hund ein Hund, und ein Mensch ein Mensch sei. Dass aber die interartliche Rangordnung trotzdem stimmen müsste, denn ein Hund würde ansonsten über den Menschen dominieren wollen und alle müssten tun, was er wolle. Ich als "antiautoritärer Gutmensch" hätte davon aber eben keine Ahnung, sagst du voller Inbrust.

Quelle: iStock
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Ich hingegen beginne jede Diskussion erst einmal sachlich, nüchtern und betont gesittet, und ich versuche dich von deinem Irrtum abzubringen, indem ich dich mit wissenschaftlichen Fakten zuscheiße. Ich habe auf jede deiner Aussagen die passende Fachinformation, die deine Worte ad absurdum führt. 

Ich liste dir zig Bücher auf, die du gefälligst zu lesen hast, um deinen Horizont zu erweitern und dein mittelalterliches Wissen endlich in die Neuzeit zu katapultieren. 

Ich baller dich zu mit Links und Quellen zu Studien, die dein bröseliges Fundament, auf dem deine Argumentation aufgebaut ist, in tausend Stücke zersprengen soll.

Ich bin so dermaßen überzeugt von der Richtigkeit meiner Aussagen, dass ich nicht anders kann, als mich dir intellektuell überlegen zu fühlen, und das lasse ich dich durch die Blume und manchmal auch ganz direkt mit aller Arroganz und Überheblichkeit spüren.

Und irgendwann kommt der Moment, da bin ich am Ende mit meiner Impulskontrolle und meiner sprachlichen Eloquenz, da halte ich dir dann vor, ungeschult und dumm zu sein. Ich mache mich lustig über dich und deine Rangreduktionsmaßnahmen. Ich verspotte dein Idol und unterstelle dir erotische Beweggründe für deine reflektionslose Anhängerschaft. 

Ich rolle die Augen über deine Vorwürfe und mache mich lustig über deine nicht selten vorkommende Rechtschreib-schwäche und hau zu guter Letzt nochmal einen raus, um ja das letzte Wort zu behalten. Die Contenance ist da schon längst am sogenannten Arsch.

 

Schon lange geht es nicht mehr um die Sache bei uns beiden. Schon lange hören wir einander nicht mehr zu. Es geht einzig darum, Recht zu haben, Recht zu behalten. Es geht darum, als Sieger aus einem unschönen Kampf hervorzugehen. 

Das Ergebnis sind dann noch verhärtetere Fronten, ein noch tieferer Andreasgraben, ja, ich würde fast soweit gehen zu sagen: gegenseitiger unversöhnlicher Hass. 

 

Und doch...

Quelle: How to draw
Quelle: How to draw

Und doch bin ich mir sicher, dass wir etwas gemein haben: Wir beide lieben unsere Hunde. Wir beide wollen das Beste für sie. Wir wollen, dass es ihnen gut geht. Wir können uns ein Leben ohne Hunde nicht vorstellen. Und wir sind überzeugt, dass das, was wir tun, für unsere Hunde das Richtige ist.

Gibt es also keine Chance, eine Brücke zu bauen?

 

Tatsächlich habe ich ab und zu darüber nachgedacht, ob mir deine Art des Umgangs mit dem Hund sinnvoll erscheinen könnte. Es gibt jedoch bisher keine einzige nachvollziehbare Begründung, die mich denken lassen würde, dass ein "submissiver" Hund, wie ihn dein Idol präferiert, ein guter Hund ist. Ich möchte, so wie du, dass mein Hund das tut, was ich ihm sage (wenn ich was sage). Allerdings will ich sein Verhalten nicht erzwingen. Ich will, dass der Hund mit Freude kooperiert und freiwillig das Verhalten zeigt, das ich gerne hätte.

 

Und ganz ehrlich? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du das nicht auch gerne möchtest! 

 

Ich frage mich also:

Wenn die schlauen Bücher und Links, mit denen ich dich so gerne zuballere, Recht hätten, und der Hund in Wahrheit gar nicht Chef sein wollte; dass er in Wirklichkeit gar nicht dominant wäre und auch nicht zum Ziel hätte, über uns zu bestimmen und uns zu kontrollieren; wenn der Hund alles lernen könnte, was wir gerne von ihm hätten, ohne dass wir ihn „zusammenfalten“ müssten; dass es nicht nötig wäre, ihn „unterwürfig“ zu machen und ihm zu zeigen, wer der Chef wäre – egal um welche Rasse es sich handelte und egal wie "red zone" der Hund wäre - wenn all das wahr wäre, würdest du es dann mal auf meiner Seite probieren?

 

UPDATE DES ARTIKELS:

An dieser Stelle habe ich den Vorwurf erhalten, ich sei nicht bereit zum Brückenschlag, denn dieser bedeutete, dass wir uns beide annähern müssten. Ich jedoch erwartete, dass du auf meine Seite kämst, ohne dass ich selber bereit wäre, dir entgegenzukommen.

Das stimmt - so betrachtet.

Auf meiner Fahne steht der gewaltfreie Umgang mit Hunden. Wie könnte ich auf deine Seite kommen und darüber nachdenken, ob es richtig sein könnte, einen Hund auf den Rücken zu drehen, ihn zu zwicken oder auch nur körperlich zu bedrohen? 

Ich bin jederzeit bereit, mit dir darüber zu diskutieren. Ich höre mir deine Argumente an. Wertfrei und offen. Aber ich werde versuchen, dir zu zeigen, dass du all diese Maßnahmen nicht brauchst, um deinen Hund dazu zu bringen, das zu tun, was du gerne von ihm hättest.

Das ist das einzige Angebot, das ich machen kann.

Und du kannst es ausprobieren. Und am Ende auch sagen, dass du das nicht möchtest. Kein Thema! Das bedaure ich dann zwar sehr, aber ich akzeptiere es.

Aber auf deine Seite zu kommen, würde bedeuten, deine Methoden anzuwenden. Viele von uns kommen von dort - und wollen nie mehr dorthin zurück.

Da muss ich also passen.