"Was kann der denn so?"


 Mein Großer ist entgegenkommenden Menschen gegenüber sehr misstrauisch. Er neigt dazu, sie durch offensives Vorgehen zu vertreiben, Beißvorhaben inklusive. Er ist ein sehr unsicherer Hund, der sich mit diversen Ängsten herumschlägt bei gleichzeitiger hoher Reaktivität und niedriger Reizschwelle.

Eine hausgemachte Leinenaggression gegenüber anderen Hunden – denn als Welpe durfte er jeden Hund begrüßen, was er auch leidenschaftlich gern getan hat, bis der Spaß dann irgendwann vorbei war und er nicht mehr zu jedem Hund gehen durfte – rundet die ganze Sache ab und macht sie nicht unbedingt einfacher. Die Erregung bei ihm kann sehr schnell sehr steil in die Höhe schießen. Früher hat er dann teilweise Tage gebraucht, auf Normalniveau herunterzufahren. Der Besuch einer Hundepension zwei Nachmittage in der Woche waren für ihn Extremstress. Ich habe das lange nicht erkannt, ich dachte damals, der ist halt so und der hat Spaß - was ja auch bedingt stimmte.

 

Es hat mich Jahre gekostet, meinen Hund davon zu überzeugen, dass man entgegenkommenden Menschen auch begegnen kann, indem man sich auf die Seite setzt und ruhig schaut, statt zuzubeißen. Wir haben extrem viel trainiert, immer wieder von vorne angefangen, immer wieder verfeinert und zusätzlich mit diversen homöopathischen Mitteln substituiert. Wir haben viel Ruhe ins Leben gebracht, ganz viel Entspannung eingebaut, Stressoren dezimiert, und ich habe vor allem auch ganz stark an mir gearbeitet, dass es mir gelingt, mich in vielen Situationen entspannter zu verhalten und keine Self-Fulfilling-Prophecy-Einstellung zu pflegen.

Das Ganze war ein wirklich langwieriger, nervenaufreibender, teilweise verzweifelnder Prozess, mit vielen kleinen Fortschritten, aber auch immer wieder großen Rückschritten. 

 

Heute kann mein Hund seine Ängste recht zuverlässig kontrollieren und Menschen an lockerer Leine vorbei lassen. Und er kann es ertragen, andere Hunde zu sehen, ohne auszurasten bei mittlerweile relativ geringer Distanz.

Auf das Signal "Seite" geht er zur Seite, setzt sich hin und wartet ab. Häufig bietet er das zur Seite gehen freiwillig an, bevor ich überhaupt etwas gesagt habe. Er kann sich heute deutlich mehr entspannen und seit geraumer Zeit geht er mit seiner Umwelt viel relaxter um, meistert für ihn schwierige Situationen souverän, so dass es mich immer noch vor Verwunderung und Begeisterung umhaut.

Er macht das heute so toll, dass ich ihn mittlerweile wieder ohne Leine laufen lasse, da ich weiß, dass er ansprechbar ist, sein Rückruf zu 99,9% perfekt ist, er ständig den Kontakt zu mir sucht und sein Alternativverhalten zuverlässig funktioniert und er es so verinnerlicht hat, dass er es freiwillig geradezu einfordert.

 

 

Wenn ich ihn noch häufig angeleint habe oder eine größere Distanz als vermutlich nötig suche, dann liegt es sicher mehr an meiner Übervorsicht und meinem Misstrauen ihm gegenüber als an seinen Fähigkeiten. Aber ich arbeite am Vertrauen zu meinem Hund :)

Wir gehen heute angstfrei gassi. Mein Hund hat wieder Lebensfreude draußen, er springt herum, er hat Spaß und ist wirklich locker. Und ich werde nicht mehr von dem mulmigen Gefühl begleitet, oh Gott, hoffentlich geht das heute gut, oh Gott, da kommt ein Mensch, ich muss hier weg, oh Gott, ein freilaufender Hund, oh Gott, der Weg ist so schmal und unüberschaubar, was tun, wenn nun einer kommt… Die meiste Zeit denke ich nicht mal mehr darüber nach. Und immer häufiger denke ich, da kommt einer, na und, kein Problem!

 

Als mein Kleiner zu uns kam, war eines der ersten Signale, die er lernen musste, eben jenes "Seite". Ich hatte solche Angst, er könnte die Menschenaversion vom Großen irgendwie übernehmen, dass ich alles daran gesetzt habe, dass er Abstand zu Menschen hält. Da er es gar nicht anders kennt, geht er sofort zur Seite, sobald uns jemand entgegenkommt. In seinem Fall war die Sorge völlig unbegründet, wie sich bald herausstellte, denn andere Menschen werden nur kurz

wahrgenommen, stellen in seiner Welt aber keine Gefahr dar.

Auch hatte ich solche Sorge, mir wieder einen Leinenpöbler heranzuziehen, so dass ich von Welpe an mit ihm trainiert habe, dass der Anblick eines anderen Hundes nicht gleichbedeutend ist mit Toben und Spielen, sondern dass es auch heißen kann, dass man einfach aneinander vorbei geht oder sich maximal kurz begrüßt und dann weitergeht. Das funktioniert perfekt.

Der ausgeprägte Jagdinstinkt, der mit der Jugendentwicklung aufkam, war ein echter Schock. Aber tägliches intensives Training hat uns soweit gebracht, dass mein Kleiner unangeleint neben mir im Wald spazieren gehen kann und nur noch dann ausbüxt, wenn tatsächlich unmittelbar vor uns ein Reh aufspringt.

 

Eine Frage der Perspektive

Vor ein paar Tagen begegnete uns beim Gassigehen eine Bekannte und ihr Mann. Da sie uns entgegenkamen, setzte ich meine beiden Jungs wie immer auf die Seite, wo sie vorbildlich warteten.

Meine Bekannte und ihr Mann beobachteten meine Hunde wohlwollend und stellten fest, wie "artig" die doch seien. Wir kamen ins Gespräch und bald fragte mich der Mann interessiert: "Was können die denn so?"

Die Frage hat mich in dem Moment völlig konsterniert, und ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte. "Die können total viel", wollte ich spontan sagen, wusste dann aber nicht, wie ich das hätte belegen können. Ich ging schnell die landläufigen Tricks durch und stellte fest, Mist, meine Jungs, die können eigentlich nix.

 

 

Was natürlich nicht stimmt.

Doch hätte ich sagen sollen, dass der Große seine Ängste händeln kann? Dass er gelernt hat, sich zurückzunehmen, sich schnell zu entspannen, der Welt mit mehr

Selbstbewusstsein zu begegnen? Dass er es schafft, nicht mehr um sich zu beißen, sondern sich alternativ auf die Seite zu setzen und ängstigende Reize ruhig zu beobachten, bis er sogar feststellt, dass diese Reize eigentlich gar nicht so beängstigend sind? Hätte ich sagen sollen, dass er es heute schafft, an fremden Hunden vorbeizugehen, ohne hysterisch auszurasten? Dass er sich zwar situativ immer noch schnell aufregen, aber auch extrem schnell wieder abregen kann?

Hätte ich erzählen sollen, dass mein Kleiner gelernt hat, jedem Menschen und jedem Hund freundlich zu begegnen und dass er über ausgeprägte soziale Fähigkeiten verfügt? Dass er Kinder toll findet und die für ihn kein Jagdobjekt darstellen? Dass er die Welt entspannt betrachten kann und er alle Alltagssituationen bravourös meistert? Dass er zwar ein Jäger ist, aber nicht mehr jagen geht?  

 

Nein, das hätte ich nicht erzählen können, denn das ist ja eigentlich selbstverständlich. Oder nicht?

 

Was meine Bekannten eigentlich hören wollten, war, dass meine Hunde viele Tricks drauf hätten. Dass sie auf Kommando Sitz machen könnten und Platz. Dass sie Pfötchen geben und auf zwei Beinen laufen könnten.

Das Problem ist nur, dass ich mit ihnen nie viele Tricks gelernt habe, da ich einfach kein Freund von Tricks bin. Ich habe dafür weder die Geduld noch die richtige Lust. Tricks sind einfach nicht meins. Vielleicht, weil wir mit den Alltags"tricks" genug ausgelastet sind, vielleicht auch, weil ich meine Hunde nur zum Gefallen anderer nicht zu Zirkusclowns degradieren möchte.

Aber bitte: Nichts gegen Tricks! Zur geistigen Auslastung und einige auch als Physioübungen, dafür sind die natürlich perfekt. Und wenn Hund und Mensch Spaß daran haben, steht ihrem Erlernen selbstredend nichts im Weg. Es ist halt einfach nicht mein Thema.


Ein braver Hund kann Tricks

Die Leute finden es aber nunmal entzückend, wenn ein Hund Pfote geben kann. Und es scheint fast so, dass sie daran messen, wie brav und artig er ist und ob der "was kann".

Zum Glück können meine beiden Pfote :) Ich habe also geantwortet: "Jungs, gebt mal Pfötle!" Und als die beiden dann ihre Pfoten gehoben haben, kamen verzückte "Aahs" und "Oohs" und die einhellige Bestätigung "Ja, die können was".

Wir sind da in der Tat einer Meinung. Ich finde auch, die können was. Eine ganze Menge sogar! Die können Alltag! :)