Wann höre ich mit den Belohnungen auf?


Diese Frage höre ich oft. Wir haben ein schönes Verhalten trainiert, der Hund kann es toll, führt es regelmäßig, zuverlässig und sogar noch prompt aus - eigentlich gibt's nix mehr zu üben, er kann's in allen erforderlichen Situationen.  Wir haben den Hund, damit er es lernt, natürlich jedes Mal dafür belohnt, wenn er das Verhalten ausgeführt hat. Doch spätestens jetzt, wo er's kann, muss ich doch eigentlich nicht mehr belohnen! Und überhaupt: Wozu sollte ich immer mit der Leckerlitasche bewaffnet sein? Der kann doch wohl mal machen, was ich sage, ohne belohnt zu werden? 

Warum man sich mit dieser typisch menschlichen Idee volle Möhre in den eigenen Fuß schießt, und vor allem warum sie unmöglich funktionieren kann und warum das so ist, das lest ihr hier.

Willi wird kräftig verstärkt fürs ruhige Schauen zu den Menschen und dem anschließenden Umwenden zu mir. Der kann das schon längst, doch ich verstärke weiter - ganz bewusst!
Willi wird kräftig verstärkt fürs ruhige Schauen zu den Menschen und dem anschließenden Umwenden zu mir. Der kann das schon längst, doch ich verstärke weiter - ganz bewusst!

 

Neulich im Training:

Kunde: „Wieso sitzt der nicht, wenn ich es sage?“

Ich: „Hast du ihn dafür mal belohnt, wenn er es tut?“

Kunde: „Nö.“

Ich: „Warum nicht?“

Kunde: „Weil Sitzen ja nicht so schwer ist und er es halt einfach so tun soll?“

 

Tja. Finde den Fehler!

Wie oft höre ich den Satz, der will nicht sitzen, weil er stur ist oder keine Lust hat. Ja, Letzteres würde ich unterstreichen. Er hat keine Lust. Wieso also sollte er sich dann hinsetzen? Weil wir es sagen? Weil wir heute so hübsch aussehen? Weil wir so 'ne tolle Bindung haben? Setze ich mich hin, obwohl ich gerade lieber stehen würde? Wenn die entsprechende äußere Motivation vorhanden wäre, viellecht ja, wenn sie gut genug wäre, ansonsten – nein, weil dies meiner inneren Motivation und Emotion entspräche! Z. B. weil ich nervös bin oder Rückenschmerzen habe oder mich unwohl fühle oder einfach das Gefühl habe, dass mir Stehen jetzt gut tun könnte.

 

Hunde funktionieren genauso. Wann immer der Hund etwas tut, ein bestimmtes Verhalten zeigt, tut er dies, weil es sich für ihn aus  irgendeinem Grund – und der muss sich uns nicht immer erschließen – lohnt. Er steht, weil es sich in dieser Sekunde, in dieser Umgebung lohnt. Er sitzt, weil es sich lohnt. Er bellt, weil es sich lohnt. Er springt hoch, weil es sich lohnt. Er guckt irgendwo hin, weil es sich lohnt. Er versteckt sich, weil es sich lohnt. Er kratzt sich, weil es sich lohnt. Er buddelt, weil es sich lohnt – weil er damit Bedürfnisse befriedigt oder er zumindest versucht, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Lohnt es sich nicht, würde er dieses Verhalten nicht zeigen, sondern ein anderes (lohnenswerteres).

 

Futter als Verstärker

Es geht dem Hund dabei natürlich nicht darum, jedes Mal Futter für ein Verhalten zu bekommen. Wie erwähnt: Bedürfnisse sollen befriedigt werden, und diese können ja aller Art sein. Dennoch kann ich natürlich – neben vielen anderen Belohnungen – Futter sehr vielseitig einsetzen, denn für viele Hunde ist Futter ein sehr starker Motivator, und zudem ist er ein sog. primärer Verstärker, also etwas, das man nicht lernen muss, sondern von Geburt an kann. Fressen kann jeder Hund, sonst würde er sterben. Was ein gigantischer Vorteil für uns Menschen ist, denn mit Futter können wir schnell belohnen und häufig, mit der Folge, dass wir das gewünschte Verhalten schnell und zuverlässig aufbauen und (ver-)stärken können.

 

Wenn also jemand keine Lust hat, mit dem Leckerlibeutel durch die Gegend zu laufen (und schon gar nicht Jahre später immer noch), dann beraubt er sich selber dieser immensen Möglichkeit und mag sich wundern, warum der Hund eben nur ab und an mal zurückgelaufen kommt, Sitz macht oder andere Hunde anpöbelt, statt brav an der Leine zu gehen. Wir können davon ausgehen, dass er gelernt hat, dass sein gewähltes Verhalten unser erwünschtes, also verlangtes Verhalten toppt und damit – und das ist für uns ganz dumm – verstärkt wird. Denn er lernt: Jedes Mal den anderen Hund anzupöbeln bringt viel mehr als alles andere, weil der andere Hund dann irgendwann verschwindet (<- innere Motivation!). Sein Verhalten hat die Funktion zu vertreiben. Er wird nun öfter pöbeln. Pöbeln ist der sog. funktionale Verstärker, es ist zwar stressend, aber auch bedürfnisbefriedigend.

Ab und an nur zurückzukommen, wenn er gerufen wird, oder gar nicht, lohnt sich, denn in der Zwischenzeit spielt der Hund lieber weiter mit anderen Hunden oder jagt ein Kaninchen (<- innere Motivation, Spielen und Jagen sind funktionale Verstärker).

Jedes einzelne Verhalten lohnt sich!

 

Verhalten ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung

Ich persönlich gehe also niemals ohne Leckerlis aus dem Haus. Denn zum einen sind meine Hunde, zum Glück für mich, verfressen und über Futter sehr motivierbar das zu tun, was ich mir von ihnen wünsche, und zum zweiten werde ich einen Teufel tun und gut aufgebautes Verhalten wieder schwächen, indem ich dieses Verhalten als selbstverständlich hinnehme und nicht weiter verstärke. Ich hätte viel zu viel Angst, dass der Hund in der entsprechenden Situation dann feststellt, dass ein anderes (mglw. unerwünschtes) Verhalten lohnenswerter sein könnte als das erwünschte – und zukünftig mehr auf die neue Strategie setzt. Denn Verhalten ist wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Hunde wägen ab. Und erfährt der Hund auf ein (selbst gut aufgebautes) Verhalten keine entsprechende Belohnung mehr, besser: Verstärkung (denn eine Belohnung ist nicht unbedingterweise auch verstärkend (sprich: wird öfter gezeigt werden), wenn das Bedürfnis durch die Wahl der Belohnung nicht befriedigt wird), wird dieses Verhalten weniger gezeigt werden: Es lohnt sich halt nicht. Das ist so, ob wir das wollen oder nicht.

 

Bedürfnisorientierte, funktionale Verstärker

Da Futter natürlich längst nicht immer ein funktionaler Verstärker ist (wenn es den Hund juckt, ist der funktionale Verstärker das Kratzen, nicht das Fressen: Er lernt, der Juckreiz hört auf, wenn ich mich kratze (nicht, wenn ich fresse), also wird er sich jedes Mal, wenn es juckt, kratzen), sollte man natürlich eine Reihe anderer Belohnungen bzw. besser: Verstärkungen parat haben.

Zwar belohne ich durchaus viel mit Futter, aber ich habe auch eine ganze Latte anderer Verstärker in Benutzung. Z. B. verstärke ich lockeres Leinegehen mit Freilauf. Denn natürlich wollen sie lieber herumrennen und flitzen als an einer einschränkenden Leine zu gehen. Meine Hunde lernen also (täglich), wenn ich nicht zerre, bekomme ich am Ende, was ich wirklich unbedingt will, nämlich Freiheit.

Ich verstärke Zurückkommen über verschiedene Bedürfnisbefriedigungen des Hundes, u. a. durch Hetz- und Schnüffelspiele oder Suchaufgaben, weil einer meiner Hunde sehr jagd- und nasenorientiert ist und total darauf abfährt. Und zwar belohne ich IMMER, jedes Zurückkommen, und das, obwohl der schon 3 Jahre alt ist! Mit der Folge, dass wir auf einen sehr zuverlässigen Rückruf zurückgreifen können, der in den dollsten Situationen funktioniert.

Ich verstärke ruhiges Schauen in den Wald oder das Wittern einer Fährte ohne Loszupreschen mit einer Dummysuche oder Nichtanspringen mit Zuwendung und Streicheleinheiten. Immer, so dass meine Hunde unangeleint durch den Wald spazieren können, ohne zu jagen, oder sie mich und andere nur sehr wenig anspringen. 

Ich verstärke ruhiges Schauen zu anderen Hunden, in dem mein Hund der Nachspur eines anderen nachgehen darf – eine starke Bedürfnisbefriedigung für jemanden, der sehr interessiert ist an Hunden, aber nicht (immer) hin darf.

 

Loben ist nicht genug!

So gibt es unendlich viele Verstärker, die man einsetzen kann und sollte, wenn man Wert darauf legt, erwünschtes Verhalten schneller und zuverlässiger zu bekommen und zu verstärken (also häufiger zu sehen).

 

Ich nutze auch viel Lob als Belohnung. Doch man sollte wissen, dass Loben alleine zwar gut gemeint ist, aber nicht unbedingt verstärkend wirkt – wenn der Hund nicht gelernt hat, dass Loben die Ankündigung einer besseren Belohnung, also in diesem Fall tatsächlich Verstärkung, ist. Meinem Lob folgt somit in der Regel noch etwas Tolleres, z. B. Distanz zu einem Angstauslöser zu machen oder ein Spiel oder Futter... Loben ist also durchaus sehr wertvoll, z. B. um eine gewisse Zeit zu überbrücken und den Hund durch eine schwierige Situation „zu tragen“. Ich will nicht bestreiten, dass es Hunde geben mag, deren Bedürfnisse so bescheiden geartet sind, dass nett geäußertes Lob für sie das Höchste der Gefühle ist - wie manche Hundebesitzer stolz behaupten. Ich hingegen behaupte, dass auch hier dem Loben häufig etwas noch Schöneres folgt, ohne dass es den Bezugspersonen bewusst sein mag,  oder dass diesen Hunden ansonsten nicht viele Freiheiten gegönnt sind und daher irgendeine Art von Ansprache von ihnen als etwas Verstärkendes empfunden wird. Oder dass die Hunde durch Krankheit, Traumata o. ä. bestimmte ihrer Bedürfnisse verlernt haben oder unterdrücken.

Aber Loben alleine ohne weitere Bedürfnisbefriedigungen folgen zu lassen, wird in den meisten Fällen nicht ausreichen, um ein bestimmtes Verhalten zu verstärken.

Nähe suchen und Körperkontakt von Kurt wird - vor allem draußen - neben vielen anderen Verhalten, kräftig verstärkt, durch Aufmerksamkeit, Zuwendung, Futter und Anfassen, damit der Hund eher mal dieses Verhalten zeigt, statt Fährten im Wald nachzugehen.
Nähe suchen und Körperkontakt von Kurt wird - vor allem draußen - neben vielen anderen Verhalten, kräftig verstärkt, durch Aufmerksamkeit, Zuwendung, Futter und Anfassen, damit der Hund eher mal dieses Verhalten zeigt, statt Fährten im Wald nachzugehen.

 

Bei Vielen gehts doch aber auch ohne!

Man könnte jetzt sagen, na ja, es gibt ja viele Hunde, die werden nicht belohnt, im Gegenteil, die werden ausgeschimpft und Schlimmeres, bei denen klappt das ja dann auch. Das stimmt! Doch merke: Die Hunde, die man anschreit oder sie anders zwingt, ein Verhalten auszuführen, tun dies dann auch aus einem ganz bestimmten Grund: Auch für sie lohnt es sich! Denn für sie bedeutet dies die Vermeidung noch unangenehmerer Konsequenzen.  Das klappt natürlich nur, solange der Mensch in Reichweite ist. Wir erinnern uns an das Sofa, dass der Hund frecherweise prompt dann betritt, kaum dass der Mensch außer Haus ist. Oder an den Pferdeapfel, der 20 Meter vom Mensch entfernt liegt, so dass der keine Chance hat, den freilaufenden Hund davon wegzuzerren... 

Beide Verhalten (Sofa oder nicht Sofa / Pferdeapfel fressen oder nicht fressen) lohnen sich in Abhängigkeit von der Situation und somit den erlernten Konsequenzen! 

 

Es gilt also immer eine einzige Regel: Verzichtest du auf die Verstärkung eines bestimmten Verhaltens, so sucht sich dein Hund auf kurz oder lang seine eigenen Bedürfnisbefriedigungen. Das erwünschte und mühselig aufgebaute Verhalten wird weniger häufig gezeigt werden, es sei denn, der Hund beschließt, dass das Verhalten bedürfnisbefriedigend sein könnte - was häufig aber nicht so sein wird, da seine Vorstellungen von adequatem Verhalten und die seines Menschen nicht selten weit auseinanderliegen werden. 

 

Kommt dir bekannt vor? Du handelst eigentlich selber bedürfnisorientiert und stellst fest, dass auch du dich verhälst, weil es eine Funktion hat? Dann weißt du ja jetzt die Antwort auf die Frage: Höre ja nie auf mit den Belohnungen! 😉