Nur wer Bedürfnisse befriedigt, verstärkt Verhalten



April 2019:

Ein wesentlicher Satz im Hundetraining. Vielleicht sogar der wichtigste. Denn wie oft geben wir, in bester Absicht, unserem Hund als Belohnung z. B. einen Keks, ohne dass sich das eigentliche unerwünschte Verhalten dauerhaft verändert? Wie oft treten wir im Training auf der Stelle und fragen uns (oder häufig auch nicht), warum zum Henker kommen wir nicht weiter, obwohl wir ihn doch so kontinuierlich belohnen? Wir füttern, wir loben, wir bleiben geduldig – und trotzdem pöbelt der Hund immer noch an der Leine, wenn ein anderer Hund kommt; trotzdem jagt der Hund immer noch hinter dem Hasen her; trotzdem zerrt der Hund immer noch an der Leine, und vieles andere mehr.  

 

funktionaler Verstärker: Distanz
funktionaler Verstärker: Distanz

Sehr sehr häufig kommt dann der Satz, der Strafe rechtfertigen soll: „Bei meinem Hund klappt das nicht mit dem positiv...“. Oder es kommt die klassische Ausrede: „Man sollte das nicht so verallgemeinern,

jeder Hund ist anders, meiner funktioniert so nicht.“

 

Ja, das stimmt. Jeder Hund ist anders. Aber eines gilt IMMER für ALLE, das verspreche ich:

 

WER DEM HUND GIBT, WAS SITUATIONSBEDINGT SEINEM BEDÜRFNIS ENTSPRICHT, WIRD VERHALTEN VERSTÄRKEN.

 

Und das ist nicht unbedingt Futter! (Bitte nehmt zur Kenntnis: Selbstverständlich KANN Futter Verhalten verstärken, aber eben nur dann, wenn der Hund eigentlich gerne fressen möchte. Hunde wollen in vielen Situationen gerne fressen, also können wir Futter auch häufig anwenden, das ist unser großer Vorteil, denn füttern geht schnell und einfach, fressen kann jeder, das Verhalten ist angeboren und muss nicht erlernt werden. 😊)

 

Wer diese Erkenntnis verinnerlicht, ist schon mal einen riiiiiiiesen Schritt weiter. Es mag jetzt sein, dass man schlichtweg in bestimmten Situationen keinen Blassen hat, was das Bedürfnis des Hundes sein bzw. wie man es denn stillen und Verhalten gleichzeitig in geordnete Bahnen lenken könnte.

 

Vielleicht wird die ganze trockene Theorie mit einigen Beispielen nach-vollziehbarer, bevor der Skeptiker an-setzt zum „Ja, aber…“:

 

Beispiel 1:

Mein Hund mag Pferdeäpfel. Ich aber nicht. Ich möchte also, dass er die Pferdeäpfel nicht frisst. „Nicht fressen“ ist aber kein alternatives Verhalten, schließlich kann man sich ja nicht nicht verhalten. Ich definiere also als erstes, was das genaue Verhalten sein soll, das mein Hund stattdessen zeigen soll.

Nun, zum Beispiel soll er den Pferdeapfel, wegen mir, zur Kenntnis nehmen, aber dann soll er sich zu mir umwenden. Er soll also eine Art Anzeigeverhalten lernen. Dieses echte „Alternativverhalten“ muss ich nun natürlich belohnen, damit er es zukünftig auch häufiger zeigen wird, also bei jedem Pferdeapfel, den er zur Kenntnis nehmen wird. Besser also: Ich muss das Verhalten nicht nur belohnen, ich muss es VERSTÄRKEN. Und wie verstärke ich dieses Verhalten? Indem ich sein Bedürfnis stille. Was ist in dieser Situation sein Bedürfnis? Ein Spiel? Ballwerfen? Oder Fressen? Letzteres natürlich! Also wird mein sogenannter funktionaler Verstärker (bedürfnis-befriedigender Verstärker) Futter sein. Ein Spiel oder Ballwerfen wäre vermutlich nur eine Belohnung, die den Hund aber nicht davon abhalten wird, beim nächsten Pferdeapfel zuzu-schlagen.

 

Das Bedürfnis zu Fressen wird also logischerweise mit Futter beantwortet. Und zwar mit Futter, das den Pferdeapfel toppt! Ein kleiner oller Keks wird den Hund vermutlich nicht überzeugen, dass es sich lohnt, den frischen, dampfenden, wohlriechenden Pferdeapfel liegen zu lassen. Ein halber Cheeseburger vermutlich schon!

 

So, das war jetzt echt einfach! 😊

 

Beispiel 2:

Der Hund ist komplett überdreht und flippt aus. Statt zu Schimpfen und seine Erregung noch weiter in die Höhe zu treiben, stelle ich fest, dass sein eigentliches Bedürfnis wohl eher Schlaf und Ruhe wäre, er es aber nicht hinbekommt, sich selber nach unten zu regulieren, sich zu entspannen. Ich werde also an dieser Stelle keine Kekse zücken und ihn weiter aufregen, sondern ihn durch aktive und passive Entspannung, Massage und ruhige Worte am Ort der Ruhe (seinem Körbchen z. B.) dafür sorgen, dass das unerwünschte Verhalten (ausflippen) durch ein passendes Verhalten (Ruhe, Schlaf) abgelöst, verstärkt wird! Der Hund wird diesen Ort immer öfter aufsuchen und zur Ruhe kommen, weil er hier das findet, was er tatsächlich braucht und das Verhalten als Alternative zum Ausflippen erlernt hat.

 

Beispiel 3:

Der Welpe kaut Tischbeine und Schuhe an. Offensichtlich ist sein Bedürfnis zu kauen (und nicht: alles kaputt zu machen, was ihm nicht gehört 😉). Kauen hat häufig beruhigende Wirkung, es kann also sein, dass er für sich die Strategie entwickelt, dass Kauen dazu beiträgt, um zur Ruhe zu kommen. Das ist toll. Nur sollte er nun auch die richtigen Objekte zum Kauen wählen. Ich biete ihm also etwas zu Kauen an, das er Kauen darf, und verräume alles andere außerhalb der Reichweite: Eine Kauwurzel, ein Stofftier, ein gefüllter Kong...

 

Es kann auch sein, der Zahnwechsel steht an. Dann juckt es vielleicht und tut weh, wie bei einem Menschenbaby – Kauen kann dann helfen, dieses unangenehme Gefühl zu unterdrücken. Auch hier verstärke ich das Verhalten Kauen, indem ich dem Welpen etwas gebe, auf dem er Herumkauen kann (statt zu Meckern, dass er die Tischbeine des Esstisches auffrisst). Einem Baby würde man einen Beißring geben. Auch hier würde also ganz selbstverständlich ein dringendes Bedürfnis befriedigt, statt das Verhalten zu verbieten.

 

Beispiel 4 (und jetzt wird es etwas komplexer):

Der Hund tickt aus, wenn er an der Leine ist und andere Hunde sieht. Ein Klassiker. Leinenpöbelei, das wohl häufigste unerwünschte Verhalten unter Hunden. Ein nerviges Thema, stressend für Mensch, aber auch für Hund!

 

Oft gehörte Argumente wie „Mein Hund will pöbeln, der mag das“, sind aus menschlicher Sicht betrachtet vielleicht nachvollziehbar. Aber sie sind falsch interpretiert, versprochen! Pöbeln, Aggressionsverhalten bedeutet für einen Hund IMMER Stress. Das liegt allein schon daran, dass in diesen Momenten das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird 😊. Ein Hund würde gerne auf Stress verzichten, er ist ja nicht lebensmüde. Evolutionstechnisch be-trachtet kommt man weiter und lebt länger, wenn man gechillt durchs Leben geht. 

Zu viel Stress macht krank. Wir können also getrost davon ausgehen, dass Hunde nicht gerne pöbeln!

 

Der Punkt ist nur, er hat keine bessere Alternative gelernt. Er weiß sich nicht anders zu helfen.

Frühere Versuche von ihm, mehr Abstand zum anderen Hund einzulegen, einzufrieren, stehenzubleiben, sich hin-zulegen, steif zu werden, zu flüchten, am Menschen hochzuspringen, wegzu-gehen, sich abzudrehen, zu Bellen, zu Knurren – all das hat nie gefruchtet! Weil es der Mensch gar nicht gesehen und / oder verstanden hat, warum der Hund tut, was er tut. Weil er weitergeschleift wurde, weil er gezwungen wurde, dem anderen Hund immer näher zu kommen, weil er geschimpft wurde usw. usf. 

Der Hund hat dann also gelernt, „Ok, ich pöbel‘ mal ordentlich rum, denn dann bekomme ich am Ende immer, was ich will: Mehr Abstand.“

 

Jetzt gibt es Viele, die es richtig machen wollen, die positiv verstärken möchten: Sie nehmen einen Keks und führen ihren Hund mit dem Keks vor der Nase am anderen Hund vorbei. Klappt super, hurra! Funktioniert aber nur so lange, wie man einen Keks zur Hand hat. Hat man keinen, mutiert unser geliebter Vierbeiner sofort wieder zur Furie bei der nächsten Hundebegegnung.

 

Was sagt uns das? Wir haben das Verhalten mit dem Keks NICHT verändert, geschweige denn ein erwünschtes Verhalten verstärkt! Das alte ist noch immer da! Es ist immer noch die Strategie des Hundes. Wir haben das Verhalten also maximal überlagert, wir haben ihn vom Reiz abgelenkt. Wir haben ihm kein alternatives Verhalten gezeigt, mit dem er vielleicht besser über die Runden käme. Und da er keine Alternative gelernt hat, wie konnten wir diese also verstärken!? Eben. Gar nicht.

 

Jetzt kann es auch sein, wir halten unserem Hund den Keks vor die Nase und der zeigt uns sogleich durch Ignoranz die Stinkepfote und sagt, „Nee, lass mal, ich muss erstmal pöbeln, ich nehm den Keks dann gerne später“. Das sind dann die Momente, in denen wir Trainer*innen ganz oft das Argument hören: „Mein Hund kann nicht über positive Verstärkung erzogen werden, das klappt bei dem nicht.“

 

Was in dieser Situation aber nicht gemacht wurde, ist, sich die einzig wahre Frage zu stellen: Was bezweckt mein Hund mit der Pöbelei? Warum tut er das? WELCHE FUNKTION HAT SEIN VERHALTEN? Bzw. sich die Frage nach dem Warum (die ja schon mal echt gut ist) NICHT zu beantworten mit der Standardantwort in der Hundeszene: DER IST DOMINANT, DER WILL HIER MAL ZEIGEN, WER DER CHEF IST. Diese Antwort ist falsch und führt vor allem auch nicht zu dem Verhalten, das ich eigentlich sehen möchte! 😊

 

Um sich diese Frage also möglichst nahe an der Wahrheit zu beantworten, müssen wir zunächst verstehen, dass IMMER hinter JEDEM Verhalten eine bestimmte Emotion steht. Die Neurologie (also die Wissenschaft und Lehre über das Nervensystem und Gehirn) kann heute beweisen, was wir Hundehalter*innen schon lange wissen: Unsere Hunde haben Gefühle! Und das Schöne ist: Die haben so ziemlich die gleichen Emotionen wie wir, so wie Freude, Angst, Frust, Trauer, Wut, Lust und andere. (Wer dazu mehr erfahren möchte, sollte sich die Emotions-systheme von Jaak Panksepp (Affecitve Neuroscience) zu Gemüte führen, eine ausgesprochen lohnenswerte Lektüre). Und da das so ähnlich ist, ist es für uns theoretisch eigentlich gar nicht mehr so schwierig zu erahnen, welche Emotion unseren Hund gerade antreibt. Wir sollten einfach öfter mal auf unser Bauchgefühl hören, statt alte Parolen unreflektiert zu wiederholen. 

 

Zusätzlich zur Emotion ist es wichtig zu wissen: JEDES VERHALTEN HAT EINE FUNKTION (bei uns allen), ansonsten würde das Verhalten nicht gezeigt werden. Wir alle zeigen Verhalten, weil es uns IRGENDETWAS bringt, einen Vorteil verspricht, ein Bedürfnis befriedigt. 

 

Die erste Frage sollte also immer sein: Welche Funktion hat das Verhalten? Diese Frage führt unweigerlich zur zweiten, nämlich der Frage nach der dahinter stehenden Emotion, und beantwortet sie auch.

 

Zugegeben, das ist nicht immer einfach, aber mit ein wenig Übung wird es leichter, zu erkennen, wie es unserem Hund gerade geht, warum er etwas tut (und das ist in der Regel nicht, weil er dominant ist!!! Dominanz ist keine Emotion und hat keine Funktion. Die Dominanztheorie ist so einfach wie wir uns früher die Welt erklärt haben, weil wir keine besseren Antworten zur Verfügung hatten: Hexerei, Aberglaube, der böse Blick, Satan – Erklärungsversuche, um besser durchzukommen. Heute wird uns so viel mehr fundiertes Wissen präsentiert, das den Glauben an Ammenmärchen zum Glück obsolet macht.)

 

Warum also pöbelt ein Hund an der Leine? Welche Funktion hat sein Verhalten? Welche Emotion steckt dahinter? Wenn er sein Verhalten häufig zeigt, können wir davon ausgehen, dass es hundert- bis tausendfach verstärkt wurde! Es muss ihm also irgendetwas bringen, irgendein Bedürfnis stillen. Doch

welches? 

 

Schauen wir das Verhalten bis zum Ende an. Verhalten hat immer eine Konsequenz, die positiv oder negativ sein kann. Das Ende einer Pöbelaktion ist immer das gleiche: Der andere Hund wird weggehen – auf kurz oder lang. Er verschwindet. Es scheint also für den Hund eine durchaus positive Konsequenz zu sein! Wir können also rückschließen, dass die Funktion des Pöbelns, des Vorgehens, Schnappens oder Beißen diese ist: Der Hund will unbedingt den Reiz vertreiben.

Und warum will er das? Welche Emotion treibt den Hund dazu, andere Hunde zu vertreiben? ANGST! 

 

Angst fordert IMMER Distanzver-größerung. Freude und Frust hingegen fordert immer Distanzverringerung. Alles andere würde aus biologischer und verhaltenstheoretischer Sicht keinen Sinn machen. Angst aktiviert in der Regel Fluchtverhalten. Wird Fluchtverhalten unterbunden (z. B. durch die Leine), wird sich Angst andere Strategien zur Bewältigung suchen.

Angst ist also die Emotion hinter dem Verhalten „Verbellen, Vorgehen, Beißen“. Die Funktion des Verhaltens ist es, zu vertreiben, ergo: DISTANZ! Der Hund will erreichen, dass der ängstigende Reiz weggeht, Abstand macht.

 

 

Und das klappt mit dieser Strategie doch hervorragend! Denn allerspätestens, wenn er sich über den anderen hermacht, werden wir reagieren und Distanz in die Angelegenheit bringen.

 

Aus Sicht des Hundes ist sein Verhalten also zwar einerseits extrem stressend, andererseits aber auch extrem erfolgreich! Wenn wir dem Hund also einen Keks vor die Nase halten, damit er nicht pöbelt ("nicht pöblen" ist im übrigen wieder kein konkretes (Alternativ-)Verhalten):

Stillen wir damit das Bedürfnis nach Distanz? Will er in diesem Moment, in dem er von Angst beherrscht wird (und je näher der Reiz, desto größer die Emotion!), fressen??? Will ich etwas Essen, wenn die riesen Spinne sich gerade auf meine Schulter abseilt??? Nein, ganz sicher nicht! Manche Hunde fressen dann aber tatsächlich. Tun sie dies aber genüßlich, bewusst? Oder eher hektisch, reflexartig? Haben sie Erfolg durch das Fressen? Die Antwort ist ganz einfach:

 

Würde sich das Verhalten des Hundes dauerhaft verändern und er das Pöbeln einstellen, dann kann man sagen: Ja, Futter war der richtige Verstärker. Ändert sich das Verhalten nicht, dann war Fressen offensichtlich nicht das Bedürfnis des Hundes, das ihn dazu bringen würde, seine Strategie zu überdenken und vor allem dauerhaft zu verändern. 

 

Statt dessen wäre der passende, der funktionale Verstärker DISTANZ zum Reiz einzunehmen. Man könnte dem Hund also beibringen, einen Bogen zu laufen. Für erfolgreiches Bogenlaufen kann man am Ende dann natürlich auch nochmal Futter hinterherschmeißen und Loben bis der Arzt kommt. Dies wären in dem Moment tatsächlich aber nur Belohnungen, nette und auch wichtige Add-Ons, Katalysatoren für das Alternativverhalten „Distanz machen“. Das Futter oder das Lob als solches verändert / verstärkt nicht das Verhalten, das tut nur der funktionale Verstärker, die richtige Distanz, die ich mit dem Hund trainieren kann! Einen Bogen kann ich so groß gestalten, wie mein Hund ihn braucht, um in der ängstigenden Situation noch mitdenken zu können! Eine unbedingte Voraussetzung für Training! Ist der Hund erstmal in Rage, kann er nicht mehr rational denken und wird nicht lernen, was ich ihm beibringen will. Schreibt ihr bitte mal eine Einkaufsliste, wenn ihr Angst habt oder vor Wut schäumt 😉

 

Ich kann also mit riiiiiiesigen Bögen anfangen, die im Laufe der Zeit kleiner werden – angepasst an den Lernstand des Hundes. Ich kann meinen Hund an der Seite absitzen lassen, bis der andere Hund vorbei gegangen ist. Ich kann ihm beibringen, wenn wir einen anderen Hund sehen, drehen wir auf der Stelle ab und stapfen ins Feld oder wechseln die Richtung oder, oder, oder. ALLES geht, um mehr Distanz zu machen, am Ende reicht häufig schon ein Kopfabwenden!

 

Es braucht einzig und allein nur die Konsequenz, Entschlossenheit und die Kreativität des Menschen. Und den festen Willen, das alte Verhalten nicht mehr auftreten zu lassen, denn selbstverständlich wissen wir ja jetzt, dass mit jedem Auftreten des alten Verhaltens dieses weiter verstärkt wird und uns im Training zurückwirft!

 

Gaaaaaaaanz häufig hören wir Trainer*innen spätestens an der Stelle das Argument: „Geht nicht, ich wohne in der Stadt. Ich habe kein Auto, ich kann nirgendwo hinfahren, ich kann nicht ausweichen, wenn von drei Seiten Hunde ohne Leine auf uns zukommen.“

 

Ja. Stimmt. Das ist scheiße. Aber dann ist Training auch nicht möglich. Ich kann nur an einem Verhalten EFFEKTIV und ERFOLGREICH trainieren, wenn ich die Umgebungsvariablen so gestalte, dass mein Hund die Chance bekommt, etwas Konstruktives zu lernen. Das geht nur, wenn genügend Distanz zu auslösenden Reizen eingehalten werden kann. Aber ganz ehrlich? Es gibt IMMER die Möglichkeit, daran zu drehen. Meistens fehlen uns nur die Ideen, die uns dann doch ganz plötzlich und sehr leicht einfallen, spätestens dann, wenn UNSER Leidensdruck so gewachsen ist, dass wir es nicht mehr aushalten. Leider berücksichtigen wir dabei nicht, dass der Leidensdruck und Stress unserer Hunde nicht selten schon Jahre enorm groß ist.

 

Häufig sind es die kleinen Hunde, die die Kläffer sind: Die Menschen haben nicht das Bedürfnis, die Motivation, daran zu arbeiten, denn einen kleinen Hund wegzuzerren, ist sehr einfach (und jedes Mal verstärken wir massiv das Kläffen, denn der Hund bekommt den Abstand, den er möchte!). Was sie dabei übersehen ist, dass es ihrem Hund dabei nicht gut geht. Der Hund wird Zeit seines Lebens dem Stress und seiner Angst ausgesetzt. Er hat keine Chance, irgendetwas Konstruktives zu tun, um seine – mit Verlaub – beschissene, weil unkontrollierbare Situation zu ver-bessern. Ich kenne Trainer*innen, die dies tierschutzrelevantes Verhalten nennen. Ich persönlich bin geneigt, dem zuzustimmen.

Ich bin der Meinung, man kann IMMER etwas tun, um die Situation für den Hund zu verbessern. Eine Kundin von mir zog wegen ihres Angsthundes von der Innenstadt aufs Land. Wenn am Ende wirklich alles komplett aussichtslos sein sollte und der Hund in seiner Lebenssituation wirklich leidet, dann bleibt immer auch noch die allerletzte, sehr schwierige, aber ehrliche Frage: Findet er bei mir wirklich die Lebensbedingungen, die er braucht, um glücklich zu sein? Oder wäre er woanders besser aufgehoben?

 

Wenn ihr also zukünftig merkt, dass ihr im Training auf der Stelle tretet, dass euer Hund einfach nicht sein Verhalten verändert, obwohl ihr trainiert und trainiert, dann wisst ihr nun, dass ihr den richtigen Verstärker noch nicht gefunden habt. Doch jetzt habt ihr vielleicht einen neuen Ansatz gefunden, um weiter-zukommen:

Belohnt ihr noch, oder verstärkt ihr schon? Was ist der funktionale Verstärker des Verhaltens des Hun-des?

Denn nur wer verstärkt, verändert Verhalten! 😉