Silvester - Was tun bei Geräuschangst?



Feuerwerk, Knallereien, Schüsse - all dies sind Geräusche, die für unsere Hunde sehr häufig nicht leicht zu ertragen sind. Die Art des Geräusches aktiviert beim Hund den genetisch fixierten Fluchtinstinkt. Das Geräusch signalisiert Gefahr und der älteste Teil des Gehirns, der Mandelkern - der für schnelle Reaktionen und Instinkte zuständig ist - gibt das Signal zur Flucht. Die Tiere - nicht nur Hunde, sondern natürlich alle Tiere, vor allem die, die draußen leben und  mit dem Silvestergeballer konfrontiert werden - geraten in Panik und versuchen, der Gefahr zu entkommen.

 

Geräuschangst ist ernst zu nehmen, denn sie entwickelt sich häufig unschön und zieht Kreise. Es kann sein, dass euer Hund zunächst scheinbar gar nicht auf das Geräusch zu reagieren scheint und sich angstfrei benimmt. Ich würde dieses Verhalten definitiv nicht einfach als selbstverständlich hinnehmen, sondern IMMER mindestens mit Lob und einem Leckerli, und zwar UNMITTELBAR nach dem Knall, beantworten - um vorzubeugen!

Es gibt Phasen im Leben eines Hundes, da ist er empfänglicher für solche Geräusche. Während der Welpenzeit, aber auch in der hormonintensiven Jugendentwicklung  gibt es immer wieder Angstphasen, in denen Hunde sehr viel sensibler auf bestimmte Geräusche reagieren können. Auch ältere Hunde neigen dazu, plötzlich Ängste gegenüber bestimmten Geräuschen zu entwickeln.

Wenn der Hund erstmal unter Geräuschangst leidet, wird es sehr anstrengend und trainingsintensiv, um über diese wieder Herr zu werden. Eine lange Zeit der Gegenkonditionierung und Desensibilisierung besteht bevor.

 

Geräuschangst zieht Kreise

Das Problem mit der Geräuschangst ist, dass sie weite Kreise ziehen kann. Hatte der Hund erst nur Angst vor dem Schuss, hat er vielleicht bald auch Angst, einen bestimmten Weg zu gehen oder verbindet plötzlich bestimmte Witterungsverhältnisse, Menschen oder andere Objekte mit der Angst.

Als bei uns im Schlafzimmer durch den Wind einmal ein Fenster zuknallte, hat sich mein Hund so erschreckt, dass das geöffnete Fenster fortan mit Misstrauen beäugt wurde. Leider passierte der gleiche Fall nochmal, und daraufhin war dann nicht nur das Fenster bedrohlich, sondern plötzlich auch aufkommender Wind, den er draußen hörte, und starker Regen. Ihm das Fenster wieder schmackhaft zu machen und ihn dazu zu bringen, dass er sich bei Wind und Regen entspannen kann, war harte Arbeit!

 

Die Angst wächst schon Tage vor Silvester

Bei Silvester sind die vereinzelten Böller, die schon Tage zuvor losgehen, Ankündigungen für die große Ballerei um Mitternacht. Alle Aktionen, die man zur Vorbereitung an Silvester trifft, können den Hund über die Jahre schon in entsprechende Alarmbereitschaft bringen. Sogar eintreffender Besuch kann für den Hund die Ankündigung der Knallerei werden, und so ist es nicht selten, dass Hunde schon Tage zuvor nervös, gereizt oder depressiv herumlaufen oder sich verkriechen, nicht mehr fressen, aggressiv, teilnahmslos oder gar panisch werden. Der Hund erleidet in dieser Zeit größten Stress, denn er steckt in einer Misere, aus der er nicht herauszukommen weiß. Er findet keine Lösung für sein Problem, denn der einzelne Böller ist nicht vorhersehbar, so dass er in ständiger Erwartung des ängstigenden Geräuschs lebt. Man kann sich vorstellen, wie schlimm das für den Hund sein muss! 

Jetzt ist der Mensch gefragt! Denn es liegt an ihm, seinem Hund aus dieser auswegslosen Situation herauszuhelfen. Es liegt an ihm, dem Hund zu zeigen: "Bei mir bist du sicher! Bei mir geschieht dir nichts! Bei mir findest du den Schutz, den du suchst! Ich helfe dir, diese gruselige Situation durchzustehen!"

 

Ignorieren hilft NICHT gegen Angst! 

Auch, wenn man es heute leider immer noch oft hört und liest: TROST WIRKT NICHT ANGSTVERSTÄRKEND! Wer Kinder hat, weiß, dass er ihnen nicht hilft, indem er sie mit ihrer Angst allein lässt gemäß dem Motto, "Sieh zu, wie du damit klar kommst!", sondern dass er ihnen Unterstützung anbieten sollte, ihre Angst in den Griff zu bekommen, indem er ihnen das Gefühl von Sicherheit gibt und tröstende Worte wählt.

Angst ist etwas höchst irrationales und durch pure Vernunft nicht therapierbar. Es nützt meist nichts, dem Kind zu sagen "Du brauchst keine Angst zu haben", die Angst wird trotzdem bleiben. Was aber hilft ist, dem Kind zu signalisieren, dass es nicht allein ist. Dazu können auch körperliche Nähe, das Umarmen und schützende Gebärden ihren Beitrag leisten.

 

Social Support hat sich in der Evolution bewährt

Bei Hunden ist dies genau das gleiche! Wir sind alle Säugetiere und reagieren in ängstigenden Situationen gar nicht unähnlich. Wir alle können in Panik geraten und kopflos herumrennen, andere Lebewesen hingegen können enorm dazu beitragen, dass wir die Angst vielleicht nicht überwinden, aber viel besser durchstehen können! Dass Angst durch Trost verstärkt wird, ist NICHT möglich!

Im Gegenteil: In der Biologie "Social Support" genannt, hat dieser sich evolutionstechnisch bewährt, sonst wäre er längst ausgestorben. Tiere in freier Natur pressen sich bei Gewitter oder in anderen ängstigenden Situationen eng aneinander, weil es sie tröstet und weil sie ihre Angst damit besser im Zaun halten können. Sie durchstehen die Situation leichter, als wenn sie allein mit ihrer Angst umherirren müssten.

Zusammen ist man weniger allein :)

Überlasst eure Hunde also nicht sich selbst! Wäre es nicht toll, dass sie lernten, dass sie nicht flüchten müssen, sondern dass sie vielmehr Schutz bei euch suchten? Wenn der Hund also eure Nähe sucht - gewährt sie ihm! Denn so habt ihr ihn unter Kontrolle und ganz nebenbei zeigt er euch, wie sehr er euch vertraut!

Möchte der Hund lieber in seinem Körbchen oder in der sicheren Box liegen - dann lasst ihn! Es wäre hilfreich, wenn sein Rückzugsort in eurer Nähe bzw. Sichtweite wäre.

Versucht ihm zu zeigen, dass er nicht allein ist und er zu euch kommen kann, wenn ihm danach ist. IGNORIERT IHN NICHT!!! Damit lernt er nur, dass er sich auf euch nicht verlassen kann. Er wird versuchen selber einen Ausweg zu finden, was ihm häufig nicht gelingen kann. Oder er büxt aus. Er kann Unfälle verursachen, selber zu Schaden kommen oder für Tage oder länger herumirren mit nicht absehbaren psychischen Konsequenzen als Spätfolgen. Kein schöner Start ins neue Jahr!

 

Was kann man tun?

Ansonsten gibt es natürlich einige Maßnahmen, die ihr treffen könnt, um dem Hund Silvester so stressfrei wie möglich zu gestalten:

  • Lasst eure Hunde vor und nach Silvester nicht ohne Leine laufen! Ein plötzlicher Knall kann den Hund zur Flucht animieren.
  • Verdunkelt die Fenster.
  • Thundershirt - Der Body, der einen konstanten leichten Druck auf den Torso ausübt, wirkt entspannend und schützend. Das Thundershirt sollte aber zunächst in entspannten Situationen angezogen werden, damit der Hund sich gut daran gewöhnt und positive Emotionen damit verknüpft.
  • Bietet sichere Rückzugsorte oder Zimmer, die ruhiger liegen.
  • Bleibt in der Nähe eures Hundes.
  • Bietet richtig hochwertiges Futter an, jedes Mal wenn ein Knall erfolgt. So habt ihr bei den Hunden, die in dieser Situation noch fressen können, die Möglichkeit, gleich mit der  Gegenkonditionierung zu beginnen.
  • Gebt dem Hund etwas zu fressen, mit dem er länger beschäftigt ist (z. B. einen Kauknochen). Kauen hat ebenfalls eine beruhigende Wirkung.
  • Lasst Entspannungsmusik laufen.
  • Bietet ihm ein Spiel an, lenkt ihn ab.
  • Lasst ihn Tricks durchführen, falls er dazu noch in der Lage ist. Denn das zwingt ihn, im Vorderhirn - der denkenden Gehirnhälfte - und somit ansprechbar zu bleiben.
  • Streichelt ihn ruhig, macht mit ihm Entspannungsübungen.
  • Lavendel hat beruhigende Wirkung. Ein paar Tropfen des Öls auf ein Halstuch getröpfelt kann schon beruhigend wirken. Ich würde jedoch vorher ausprobieren, ob der Hund darauf positiv reagiert! Man kann das Halstuch auch erstmal ins Körbchen legen und schauen, ob der Hund dorthin geht und sich dort gerne aufhält.
  • Adaptil als Spray oder für die Steckdose wirkt häufig sehr beruhigend, allerdings hauptsächlich bei Hunden, die eine "gute" Welpenzeit bei der Mutterhündin hatten, denn Adaptil beinhaltet Pheromone, die die Mutter beim Stillen absondert, was beruhigend wirkt und die Welpen davon abhält zu fest zuzubeißen.
  • L-Theanin-Kapseln haben ebenfalls beruhigende Wirkung. Eine halbe bis Stunde vorher verabreicht, wirken sie recht schnell und beruhigend. Ich würde bereits ein paar Tage vor Silvester dem Hund morgens und abends eine Dosis ins Futter mischen.
  • Sogenannte Mutt Muffs - ein Gehörschutz für Hunde - dämpfen die Lautstärke der Böllerei. Auch diese müssen vorher entsprechend positiv auftrainiert werden, damit sich der Hund damit wohl fühlt.
  • Über entsprechende Geräusch-CDs kann man die Hunde desensibilisieren. Der Vorteil hierbei ist, dass man über die Lautstärkeregelung natürlich schrittweise den Reiz erhöhen kann. Selbstredend muss man damit schon Wochen bis Monate vor dem Ereignis mit dem Training beginnen (und sich vorher schlau machen, wie man dies am optimalsten angeht).
  • Bei jedem Knall, wann immer der kommt - übers Jahr verteilt -, sollte man IMMER sofort eine Belohnung bereit haben, um dem Hund das Geräusch vorsorglich schön zu manipulieren. Mindestens verbales Lob bzw. beruhigende Worte sollten nach allen auffälligen Geräuschen folgen - auch, wenn der Hund so aussieht, als hätter er keine Probleme damit!
  • Zum Schluss bleibt als Tipp noch die Autobahnfahrt mit lauter Musik für die Härtefälle. Ich kenne einige Hundebesitzer, die sich jedes Jahr um Mitternacht herum auf leeren Autobahnen tümmeln oder sich auf eine einsame Hütte zurückziehen, weil ihre Hunde so leiden, dass nichts anderes mehr geht. Man  muss sich eben nur zu helfen wissen :)
Ich wünsche allen Menschen und ihren Tieren von Herzen ein möglichst stressfreies Silvester. Macht es  euren Tieren schön, sie werden  es euch danken!

 

Wir sehen uns nächstes Jahr! :)