Po runterdrücken war gestern, heute wird trainiert!


Erkläre ich den Leuten, dass ich mit Hunden arbeite, ohne sie zu zwingen, zu hemmen, zu ängstigen oder unter Druck zu setzen, ernte ich immer ausnahmslos zustimmendes Genicke und Gemurmel, so nach dem Motto, „Absolut, genau das machen wir auch nicht“. Kaum mach ich dann den Mund zu, wird der Hund z. B. am Hintern nach unten gedrückt, damit er sich endlich hinsetzt oder körperlich geblockt, damit der stehenbleibt. Und schon klappt mein Mund wieder auf – dieses Mal vor Verwunderung, ob das, was wir soeben besprochen haben mglw. nur in meinem Kopf stattgefunden hat. 

Freundliche Worte und Handsignale wirken Wunder
Freundliche Worte und Handsignale wirken Wunder

Ich stelle also fest: Es ist immer wichtig zu erklären, was man genau unter solchen Attributen versteht, damit man auf der gleichen Verständniswelle surft. Die meisten verstehen darunter nämlich Handgreiflichkeiten. Wobei das Auf-den-Hintern-drücken ja nun auch im wahrsten Sinne eine Handgreiflichkeit ist. Das kommt aber den wenigsten in den Sinn, denn was ist schon dabei, wenn ich den Hund runterdrücke, um das Verhalten „Sitzen“ zu bekommen? Oder was ist so schlimm daran, wenn ich mich vor dem Hund aufbaue, damit er stehenbleibt? Es tut ja nicht weh und Angst kann das ja wohl auch nicht machen. Oder?

 

Gegenfrage: Wenn ich möchte, dass ein Mensch sich hinsetzt, obwohl er nicht will (oder noch gar nicht gelernt oder verstanden hat, was ich von ihm möchte) und ich ihn dann auf den Sitz presse oder immer näher rücke und ihn in die Ecke dränge - wird der sich beim Hinsetzen wohl fühlen oder eingeschüchtet sein? Wird er wohl sitzenbleiben, wenn ich den Druck nachlasse? Wirst er gerne in meiner Nähe sein oder sich irgendwie mulmig fühlen? Wird er mich dafür mögen und mir vertrauen, dass ich ihn, statt freundlich zu bitten, auf den Sitz gepresst oder am Weggehen gehindert habe?

 

Wer arbeitet gerne unter Zwang?

Wenn ich meinem Welpen also Sitzen beibringen möchte, indem ich seinen Popo herunterdrücke, dann hat das möglicherweise den Effekt, dass er lernt, dass Sitzen irgendwie voll blöd ist. Er wird sich nicht gerne hinsetzen, er wird sich in meiner Nähe und bei dem körperlichen Eingriff unwohl fühlen, und er wird das Verhalten zukünftig nicht sehr oft zeigen, denn Sitzen macht keinen Spaß, es wurde ja erzwungen. Wer von uns arbeitet gerne unter Zwang? Ich erinnere mich da an das wöchentliche Zimmersaubermachen als Kind: Statt Motivation durch Belohnung gab’s strenge Blicke als Androhung massiverer Durchsetzungsoptionen.

 

Mir ist klar, dass die Menschen den Hund nicht aus Boshaftigkeit herunterdrücken. Sie tun es i. d. R. aus Unwissenheit, weil sie nicht wissen, wie es sonst geht. Und weil der vermeindliche Erfolg sich schnell (aber nicht dauerhaft) einstellt. Und sie machen sich über die Konsequenzen ihres Handelns keine Gedanken, bis zu dem Moment, in dem sie merken, dass der gewünschte Erfolg womöglich ausbleibt. Und das ist schade, denn würde man ein Kind so körperlich „schulen“, wäre man heutzutage doch sehr schnell irritiert und führte bald ein ernstes Gespräch mit dem Lehrer. 

 

Also: Das Feld der Unterdrucksetzung und der Hemmung, der Ängstigung und des Zwanges ist ein weites! Wenn man sich unsicher fühlt und nicht weiß, ob das, was man tut, nun in diese Kategorie fällt oder ok ist, dann finde ich, sollte man sich als allererstes fragen, ob man sich selber mit einer solchen Behandlung wohl fühlen würde. Ganz häufig weiß man dann schon die Antwort.

Und warum ist das so? Weil die Emotionssysteme in allen Säugetiergehirnen relativ ähnlich funktionieren. Insofern ist es durchaus legitim, Mensch mit Tier zu vergleichen.

Druck im Training erzeugt negative Emotionen

Es ist also so: Wirke ich – auch nett gemeint – körperlich auf den Hund ein, dann ist es das, was ich meine, wenn ich sage, dass ich keinen Hund zu Verhalten zwinge, hemme, ängstige oder unter Druck setze. Ganz konkret heißt das, ich lege nicht Hand an ihn, ich schreie ihn nicht an, ich bezische ihn nicht, ich mache mich nicht extra groß und breit, ich gehe nicht frontal auf ihn zu, um ihn z. B. dazu zu nötigen, zurückzugehen oder sich hinzulegen. Ich beuge mich nicht über ihn, ich starre ihn nicht an – ich mache nichts dergleichen.

Denn wann immer ich das täte, wären die Emotionen, die ich in seinem Gehirn verursachte, negative. Und ich weiß, mit negativen Emotionen im Hintergrund lässt es sich nicht gut arbeiten. Er wird das Verhalten ungern, zu langsam, zu selten, eingeschüchtert, verunsichert, unmotiviert und nie freiwillig ausführen. Er wird sich mir mglw. sogar irgendwann verweigern. Druck erzeugt Gegendruck: Die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, dass er genau die gegenteilige Bewegung ausführt. Und dann müsste ich massiver in meiner Kommunikation werden. 

Und das macht in der Regel nicht nur dem Hund keinen Spaß, sondern auch normalen Menschen, die eigentlich viel lieber auf Teamarbeit und Kooperation setzen würden.

Training über Sichtzeichen - ohne körpersprachliches Bedrohen
Training über Sichtzeichen - ohne körpersprachliches Bedrohen

Und wer sich jetzt wundert, wie man denn ansonsten zu Verhalten kommen soll und rückschließt, dass ich wohl einfach nur eine gutmenschenartige, walldorfschulenversiffte Tanz-deinen-Namen-Wattebauschtrainerin sein muss, die den Hunden telepathisch einflüstert, wie sie sich vollkommen antiautoritär selbstverwirklichen können: Nee, Telepathie kann ich nicht, meinen Namen hab ich noch nie getanzt und antiautoritär seh ich jeden Tag auf dem Spielplatz in meinem Viertel und mache mir so meine Gedanken, dass das die Generation ist, die mal für meine Rente aufkommen soll. 

 

Training ist Handwerk und das Wissen um Lernregeln

Ich verlasse mich dann doch viel lieber auf schnödes Handwerkszeug und Lernregeln, die man kennen muss, um zu wissen, wie ein Individuum am effektivsten lernen kann:

  • Indem ich Verhalten einfange, stimuliere, forme oder locke.
  • Indem ich zunächst ein Handsignal mit dem Verhalten verknüpfe und erst später ein Wortsignal hinzunehme.
  • Indem ich kleinschrittig arbeite.
  • Indem ich Ziele stecke, die der Hund erreichen kann.
  • Indem ich eine bedürfnisorientierte Belohnung folgen lasse.
  • Indem ich eindeutig und konsequent agiere.
  • Indem meine Körpersprache hundefreundlich, aber unmissverständlich (also nicht bedrohlich, sondern einfach nur immer gleich und präzise) ist.
  • Indem ich nur das Verhalten belohne, das ich auch haben möchte.
  • usw. usf.

Positives Training – also Training, das ohne Zwang, Hemmung, Druck und Ängstigung auskommt – ist kein Hexenwerk. Es ist erlernbar. Es ist effizient und nachhaltig. Es ist fair. Und es macht sogar noch Spaß!

Po runterdrücken war gestern, heute wird trainiert!