„Aber er hat doch nie eine schlechte Erfahrung gemacht!“ – Ursachen und Maßnahmen bei Leinenaggression



Einer der allerhäufigsten Fälle, warum Hundebesitzer für eine Verhaltensberatung bei mir anfragen, ist die Leinenaggression gegenüber Hunden. Kaum kommt ein anderer Hund in Sicht, tickt der eigene Hund aus. Aber so richtig.

Nicht selten höre ich bei der Beschreibung des Problems dann den Satz: "Aber er hat nie schlechte Erfahrungen gemacht."

Gemeint ist damit: Er wurde nie von einem anderen Hund attackiert oder gebissen. Aber ist das die einzige schlechte Erfahrung, die ein Hund machen kann?

Alternatives Verhalten (statt Pöbeln): Sitzen und den Blick abwenden lernen.
Alternatives Verhalten (statt Pöbeln): Sitzen und den Blick abwenden lernen.

Die Antwort lautet: Leider nicht. Schlechte Erfahrungen hat er zuhauf gemacht, das kann ich versprechen, sonst würde er das Verhalten nicht zeigen. Verhalten, das sich nicht auf irgendeine Art lohnt, tritt nicht auf. Das ist eine Gesetzmäßigkeit der Verhaltensbiologie. Jedes einzelne Verhalten, das Lebewesen zeigen, hat irgendeine Funktion, macht aus der Sicht des Individuums Sinn.

 

Und so hat auch die Leinenaggression eine Funktion:

 

Hinter jedem Verhalten steht eine Emotion

Die Emotion hinter dem Verhalten "Leinenaggression" ist entweder Angst oder Frust.

Im ersten Fall möchte der Hund den anderen auf Distanz halten durch Verbellen oder Schnappen und Beißen.

Im zweiten Fall möchte er gerne eine Distanzverringerung erreichen, er möchte gerne zum anderen Hund hin, mal „Hallo“ sagen, die Leine aber hindert ihn daran.

 

Im Übrigen ist dies auch der Grund, warum es so häufig ohne Leine keine Probleme gibt: Kann der Hund die Distanz selber wählen, entstehen keine Konflikte.

 

Bis es zu dem Verhalten „Leinenaggression“ kommt, hat es zurvor eine Reihe schlechter Erfahrungen gegeben, die den Hund letztlich in die Leinenaggression treiben, die für ihn in der Regel erfolgversprechend ist.

 

Bei Angst:

Dass der Hund lange vor der Leinenaggression beim Anblick eines Hundes bestimmte Verhaltensweisen gezeigt hat wie z. B. langsamer werden, Einfrieren / Erstarren, Fixieren, sich hinlegen, am Menschen hochspringen, Flucht zur Seite oder nach hinten – hat der Besitzer entweder nicht bemerkt oder ignoriert, weil er die Bedeutung der Körpersprache des Hundes, also dessen, was er mitteilen möchte, nicht kennt.

 

Wäre er auf seinen Hund eingegangen und hätte die Distanzvergrößerung gewährt, als der Hund noch „freundlich“ darum gebeten hat, hätte dieser niemals zu radikaleren Maßnahmen greifen müssen.

 

Doch wie läuft es denn im Alltag ab? Wir können es ja tagtäglich draußen beobachten:

Trotz vieler Signale des Hundes geht der Besitzer einfach weiter frontal auf den fremden Hund zu (weil der Weg, die Straße, der Bürgersteig es ja vorgibt) und – im schlimmsten Fall – zerrt er seinen Hund einfach mit. Die wenigsten gehen auf die Seite. Die wenigsten würden für ihren Hund je den Weg verlassen und sich ins Feld stellen. „Der muss da eben durch“, ist die gängige Einstellung zur Sache, falls überhaupt so viel Reflektion besteht zu merken, dass sich der eigene Hund ausgesprochen unwohl fühlt. Nicht selten lautet der Erklärungsansatz auch "Dominanz", gegen die ja eh kein Kraut gewachsen ist, also kann man dann auch gleich mitten durch... ;)  

 

Was also passiert ist Folgendes: Der ängstigende Reiz (also der andere Hund) kommt immer näher, und zwar frontal, was höchst bedrohlich ist. Der eigene 

Hund ist „gefangen“ an der – in der Regel – viel zu kurzen Leine. Er kann seine eigene Individualdistanz nicht einhalten. Er wird gezwungen, dem anderen Hund immer näher zu kommen. Seine Angst wird immer größer. Häufig wirkt der entgegenkommende Hund zudem noch bedrohlich: Er nähert sich frontal (er hat ja auch keine Wahl), fixiert ebenfalls, er läuft steifer, die Rute ist steil und steif aufgestellt und schlägt hektisch aus. Er sagt mit jeder Faser seines Körpers: "Bleib mir vom Hals."

 

Ich weiß nicht, wie ihr es nennt. Ich nenne das eine ausgesprochen verstörende, ängstigende, ergo schlechte Erfahrung.

 

Der Hund lernt nun auch und das ist der Kern des Übels , dass ihm keine seiner „netten“ Strategien weiterhilft und er sich auch nicht auf seinen Menschen verlassen kann: Langsamer werden, Stehenbleiben, Steif werden, Ausweichen, Hochspringen nichts hilft. Der Mensch versteht ihn nicht. Also muss er deutlicher werden, er bellt. Und springt in die Leine. Oder greift an. Das passiert dann in der Regel auf Höhe des anderen Hundes. Dieser geht vorbei. Oder der Besitzer zieht seinen Hund weg.

 

Und was bekommt der Hund dadurch?

Ganz genau: Distanzvergrößerung! Also genau das, worum er vorher so freundlich gebeten hatte, aber nicht gehört wurde. Er lernt: Aggressives Verhalten an der Leine lohnt sich total! Er bekommt damit, was er braucht, was sein Bedürfnis ist. Ab sofort wird er dieses Verhalten häufig wiederholen. Es war sehr erfolgreich und wurde dadurch massiv verstärkt!!!

 

Bei Frust:

Wenn ein Hund sehr hundeaffin ist und wenn ihm nicht von Anfang gezeigt wurde, dass man beim Anblick anderer Hunde auch durchaus Spaß mit seinem Menschen haben kann, wenn vielleicht zunächst jeder Kontakt erlaubt wurde und der Spaß dann plötzlich irgendwann vorbei war, weil der Hund vielleicht nun groß ist und nicht jeder Hundekontakte zulassen möchte, dann kann sich daraus sehr schnell Frust entwickeln.

 

Die Erfahrung, die der Hund macht, ist eine ausgesprochen schlechte! Er darf nicht mehr zu anderen Hunden hin! Wird der Frust nicht irgendwie konstruktiv aufgearbeitet – und das wird er

eher selten –, dann kann er wachsen. Und das Tückische dabei ist: Wenn Frust in keine akzeptable Lösung mündet, kann er in Aggression umschlagen. Er sucht sich ein Ventil. Das kennen wir Menschen eigentlich auch ziemlich gut…

 

Die Symptome bei Leinenaggression aus Frust sind denen der Angst ziemlich ähnlich. Auch hier zeigt der Hund bereits vor dem Bellen und Vorgehen, dass ihm nicht wohl ist, dass seine Erregung steigt. Und die Konsequenzen auf sein Verhalten sind in der Regel auch die gleichen: Sehr sehr häufig wird die Leine

noch kürzer genommen, ein kleiner Hund wird schnell mal hochgerissen, er wird angeschnauzt, bedroht, weggezerrt, geruckt, heruntergedrückt usw. usf.

 

Ihr werdet zugeben müssen: Alles wirklich überhaupt gar keine guten Erfahrungen! Im Gegenteil: Der Hund macht durchweg schlechte Erfahrungen und wird versuchen, sich selber zu helfen.

 

Der Frust entlädt sich dann entweder auf Höhe des anderen Hundes in Form von Aggression oder ebbt – wenn überhaupt – nur langsam wieder ab, wenn der andere auf größerer Distanz bleibt.

 

Gleichzeitig lernt der Hund: Andere Hunde sind eben nicht mehr nur toll, sondern zwiespältig belegt. Denn jedes Mal, wenn er einem anderen Hund begegnet, passieren ihm wenig schöne Dinge. Hunde werden langsam aber sicher (und manchmal auch ziemlich schnell) äußerst negativ und mindestens mit einer sehr hohen Erregung verknüpft.

Spätfolgen können sein: Zuhause wird etwas zerkaut oder zerfetzt, die Impulskontrolle ist total erschöpft, und der Hund erscheint schlecht gelaunt, gereizt und reagiert reaktiver auf andere (harmlose) Reize, oder zeigt andere Formen von Stressabbau wie vermehrtes Kratzen und Schlecken, repetetiv abnormales Verhalten wie Kreiseln etc. Es geht ihm schlecht! Und es geht ihm auch dann mglw. schlecht, auch wenn an der Oberfläche keine solch deutlichen Reaktionen zu erkennen sind.

 

Was tun?

Bei einer Leinenaggression ist also das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Es gibt genau eine einzige Möglichkeit, die Leinenaggression zu „therapieren“:

Durch sogenannte klassische Gegenkonditionierung und systematische Desensibilisierung. Das heißt, über positives Training wird versucht, all die schlechten Erfahrungen durch gute aufzuwiegen, so dass die Emotion Angst bzw. Frust in eine positive, entspannte Grundhaltung verwandelt wird.

Das Ganze funktioniert nur, wenn die Trainingsdistanz jeweils so gewählt und mit der Zeit langsam verringert wird, dass der Hund zu jeder Zeit ansprechbar bleibt und nicht in sein „Hinterhirn“ kippt, in dem er nur noch instinktiv reagieren, aber nicht mehr konstruktiv mitarbeiten kann. 

Gleichzeitig sollten, um Rückschritte im Training zu vermeiden, bei jedem Gassi alle Situationen vermieden werden, die das alte Verhalten wieder auftreten lassen. Jedes erneute Auftreten ist eine weitere Verstärkung dessen. Das mag schwierig sein. Aber es ist möglich. Wenn man im Training schnelle Fortschritte machen möchte, müssen die Bedingungen so geschaffen sein, dass der Hund die optimalen Voraussetzungen antrifft und seine Ziele auch erreichen kann.  

Systematische Desensibilisierung: Mit der richtigen Distanz am Problemverhalten arbeiten.
Systematische Desensibilisierung: Mit der richtigen Distanz am Problemverhalten arbeiten.

Jede Form von aversivem Einwirken jedoch, wie Herunterdrücken, Blockieren, mit Gegenständen bespritzen oder bewerfen etc. – was bei vielen Hundeschulen leider immer noch das Mittel der Wahl ist – wird das Problem verschlimmern, da die zugrundeliegende negative Emotion über Druck, Ängstigung, Hemmung, Bedrohung und körperliche Zurechtweisungen weiter intensiviert wird. Das Verhalten mag kurzfristig gedeckelt werden. Aber darunter wird es fleißig weiterkochen. Zum geeigneten oder auch ungeeigneten Zeitpunkt wird das alte Verhalten, dann meist massiver, wieder auftreten. Das verspreche ich. Es sei denn, der Hund wurde so traumatisiert, dass er sich gar nicht mehr traut, irgendetwas zu tun. 

 

Prävention ist die beste aller Optionen

Die optimalste Vorbeugung vor der höchst lästigen Leinenaggression ist in jedem Fall das genaue Beobachten der Körpersprache des Hundes und auf seine Bedürfnisse zu schließen:

Distanzvergrößerung (bei Angst), wenn er darum bittet (und auch, wenn er nicht darum bittet).

Da eine Distanzverringerung (bei Frust) nicht immer möglich ist, ist eine bedürfnisbefriedigende Alternative die beste Wahl: Ein Spiel mit dem Menschen zum Beispiel, oder Futter streuen, übermäßiges Lob, Zuwendung beim Anblick eines anderen Hundes bei gleichzeitiger Distanzvergrößerung (ohne zu Zerren!), um dem Reiz seinen Reiz zu nehmen.