Freundliches Annähern an einen (fremden) Hund


Bei uns im Office gibt es einen Bürohund, nennen wir ihn B.. Ein echt süßer Kerl. Sehr still, sehr zurückhaltend, eher vorsichtig und etwas scheu.

Die meisten meiner Kollegen sind sehr tierlieb. Und das möchten sie auch gerne zum Ausdruck bringen. Also streicheln sie B. voller Freundlichkeit und Zuneigung über den Kopf – wie mensch das halt landläufig so tut. 

 

Der Klassiker: Kopfstreicheln

Was sie alle nicht zu bemerken scheinen, ist, dass B. schon bereits vor der ersten Berührung bei Annäherung der Hand Richtung Kopf, stehen bleibt und er seinen Kopf nach unten einzieht. Bei der Berührung selber geht er meist ein paar Schritte zurück, der Mensch rückt dann in der Regel nach, schließlich ist er noch nicht fertig damit, seine Sympathie zu bekunden. B. weicht dann wieder aus und häufig geht er ganz weg.


Das Verhalten von B. hindert den Menschen nicht daran, bei der nächsten Begegnung das Ritual genau so zu wiederholen. Vielleicht denkt er, das gehört so.

Die Wahrheit ist, B. findet – genau wie sehr viele Hunde – eine Berührung von oben voll unangenehm. Eine Hand, die von oben kommt, wirkt in der Hundewelt bedrohlich. Dazu kommt meistens noch der Rest der menschlichen Körpersprache: Der Mensch nähert sich in der Regel immer frontal und beugt sich voll über den Hund, damit die Hand überhaupt den Kopf erreichen kann.
Dieses Bild der Begrüßung (im übrigen auch von den Hundebesitzern selber!) sieht man extrem oft, man muss nur mal genauer darauf achten.

 

Schlechte Erfahrungen durch falsches Annähern

Als mein erster Hund Welpe war, war er wie die meisten Welpen extrem entzückend, Knuddelfaktor 1. Obwohl ich es immer versucht habe zu verhindern, ist es mir häufig nicht gelungen, die Leute davon abzuhalten, sich ungefragt meinem Hund zu nähern. Ich kann mich an einen Urlaub in Skandinavien erinnern, da wurde der arme Kerl fast verfolgt von asiatischen Touri-Heerscharen

und dreisten kreischenden Europäer- und Amerikanerinnen, die sich mit

„lovely“,  „beautiful“ und „handsome“ über ihn schmissen. Wir hätten wirklich Geld damit verdienen können, ihn in der Einkaufspassage streicheln zu lassen. 

Heute bin ich sicher, dass diese geballten Ereignisse in einer sensiblen Phase stark dazu beigetragen haben, dass mein Hund ziemlich aggro reagieren kann, wenn sich ihm Menschen frontal nähern. Kurz nach diesem Urlaub hat er damit begonnen, dieses Abwehrverhalten zu zeigen.


Und doch haben es all diese Menschen sicher gut gemeint!
Wobei ich behaupte, dass sie es hauptsächlich gut für sich gemeint haben. Denn kein Einziger wird sich tatsächlich gefragt haben, ob es für den Hund ähnlich angenehm ist wie für den Menschen, wenn er weiches, warmes Fell anfassen darf und der Körper massenweise Oxytocin ausschüttet.

 

Regeln für freundliches Annähern

Dabei wäre es ein leichtes, sich einem Hund so zu nähern, dass der keine Angst haben muss und eine Berührung auch als angenehm empfinden kann. Und prinzipiell wäre es sicher nicht schlecht, vorher mal den Besitzer zu fragen, ob das ok geht bzw. auch den Hund zu fragen, ob er das möchte.

Dazu braucht man eigentlich bloß einen Handrücken zum Beschnüffeln anzubieten. Geht der Hund hin und schnüffelt, könnte man dann mal vorsichtig beginnen, den Hund am Hals oder unterm Kinn zu streicheln oder zu kraulen. Das mögen die meisten sehr gerne.


Wenn man es dann noch schafft, sich nicht frontal zu nähern, sich seitlich zu stellen, sich nicht über ihn zu beugen oder womöglich sogar in die Hocke zu gehen, hat man die allerbesten Chancen, dass beide Seiten etwas von der Knuddelattacke haben werden. Denn auch Hunde schütten das „Liebeshormon“ Oxytocin aus, wenn sie angenehm berührt werden, das ist sogar ungemein wichtig für eine gesunde Hundeseele. Der Hund wird es zeigen, indem er nicht meidet, nicht weggeht und womöglich sogar genüßlich seine Augen leicht schließt oder sich auf den Rücken legt.

 

Gänzlich sollte man darauf verzichten, den Hund auf dem Kopf zu streicheln oder gar zu tätscheln. Auch das typische feste Klopfen auf den Torso ist nichts, wofür Hunde einen Freudentanz aufführen würden.

 

Anfassen erwünscht?

Und wenn sich der Hund trotz angebotener Hand nicht nähert, sollte man ihn einfach in Ruhe lassen und akzeptieren, dass er scheinbar in dieser Situation nicht angefasst werden möchte.

 

Ich glaube ganz sicher, dass sich die meisten tatsächlich daran halten würden, wenn sie um diese simplen Regeln wüssten. Doch leider ist der Gedanke immer noch selbstverständlich, dass die Bestimmung „süßer“ Tiere wohl einzig darin liegt, dem Menschen ein haptisches Wohlfühlerlebnis zu bescheren.